Schaukelnde Asche

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Die letzte Aufgabe war nichts für Angsthasen, denn die Wasseroberfläche war ruhelos. Der Westwind und die Ebbe trafen aufeinander. Der Wind schob die Wasseroberfläche Richtung Land, die Ebbe zog das Wasser Richtung Atlantik.

Es war kein wirklich kalter Wind, der den Teilnehmern um die Nasen wehte. Es war dieser für Irland typische Wind aus dem Westen, nicht wirklich kalt aber kräftig. Die starken Sonnenstrahlen wurden von weißen Wolken immer wieder abgefangen. Durch den intensiven aber kühlen Wind war man nicht auf Sonnenschutz eingestellt. Sonnenbrandgefahr. Eine wetterfeste Jacke zu tragen war sicherlich der eine Gedanke, das bevorstehende Ereignis der zweite und einzig wirkliche Gedanke.

Eingefunden hatten sich Regina und Johnny, Schwester und Bruder von Lilly, die Nichten Emma, Stacey und Nicole, Neffe Mark, Schwägerin und Schwager Fiona und Mark, die zwei besten Freunde Geraldine und Tommy und auch ich, mit Lilly im Rucksack auf meinem Rücken. Unser Skipper hatte ein Boot für Rundfahrten ausgesucht, so dass wir alle in einem Halbrund in Fahrtrichtung sitzen konnten.

Kaum hatten wir den Hafen verlassen, wurde das Wasser unruhig. Unsere Aufmerksamkeit galt allerdings den ersten Delfinen, die uns ab dem Hafen begleiten sollten. Unser Skipper hatten Namen für sie parat. An den Finnen kann man sie erkennen und sie sind ständig hier in Hafennähe, so seine Erläuterungen mitten unter uns stehend, während das Boot quasi alleine weiter fuhr.

Je mehr wir uns von Hafen und Land entfernten, um so mehr schaukelte das Boot. Der Blick auf Galway konnte uns erneut ablenken. So hatte noch keiner von uns die Stadt gesehen, eine völlig neue interessante Perspektive. Jetzt konnte man sich weitaus besser vorstellen, wie einst die spanischen Händler am Ufer angelegt haben und durch den “langen Weg” (the long walk) zum Stadttor gelangt sind. Eine kleine Kurve fahrend haben wir uns dann auch dem Stadtteil Claddagh genähert, wo Fiona und Johnny mit Familie wohnen.

Wind und Ebbe spielten miteinander, wir mittendrin. Weiter hinaus in die Galway Bay bedeutete weiter hinaus in die Kräfte der Natur. Die Wasseroberfläche glich einem Waschbrett, aber die Rillen waren nicht gleichmäßig angeordnet. So wie auch der irische Regen nichts von deutscher Ordnung hält. Nicht senkrecht geordnet herunter fallend, sondern mal im Zick-Zack, dann wieder waagerecht, dann peitschend, dann vorübergehend nachlassend. Ungeordnet. Diesem eigentlich nicht vorhandenen Muster glich heute die Wasseroberfläche der Galway Bay. Mit etwas Phantasie konnte man tausende von Möwen erkennen, die im Wasser schwimmend uns umkreisten.

Wie auch die Delfine. Insgesamt drei Delfine hatten sich eingefunden, die unser Boot nebeneinander in Formation schwimmend begleitet haben.

Dann stoppte der Skipper den Motor und erlangte schlagartig unsere Aufmerksamkeit. Auf einmal waren wir wieder im Hier und Jetzt. Bitte hier auf dieser Seite, seine Anweisung, damit die Ebbe die Asche in die Galway Bay hinaus trägt.

Den Deckel der Urne abschrauben, die Urne drehen und langsam die Asche ins Wasser gleiten lassen. So die beinahe über Monate geplante und geübte Handbewegung. Feine weiß-graue Asche fiel auf die Wasseroberfläche, schaukelte auf den Wellen, umarmt von imaginären Möwen, ebenfalls schaukelnd auf dem Wasser. Nichte Emma warf noch einen Blumenstrauß auf Asche und Meer. Das alles hat vielleicht nur 15 Sekunden gedauert und doch so bedeutungsvoll. Der letzte Wunsch im Testament wurde erfüllt.